Warum die EZB den digitalen Euro will: Unabhängigkeit beim Bezahlen
Veröffentlicht im Oktober 2026
Das wichtigste Argument der Europäischen Zentralbank für den digitalen Euro ist strategisch: Europa soll beim digitalen Bezahlen weniger von außereuropäischen Anbietern abhängen. Die EZB stützt das auf Marktzahlen, auf die Zersplitterung nationaler Systeme und auf die Kosten, die Banken und Händler heute tragen. Stand: Oktober 2026.
Die Ausgangslage: Kartenzahlungen in fremder Hand
Ein Bericht der EZB vom Oktober 2025, erstellt mit dem Euro Retail Payments Board, liefert die zentrale Zahl. Internationale Kartensysteme wickelten im ersten Halbjahr 2023 rund 64 Prozent aller elektronisch ausgelösten Zahlungen mit im Euroraum ausgegebenen Karten ab, nach 62 Prozent im Jahr 2022. Gemeint sind die beiden großen Kartenorganisationen, die dem Bericht zufolge nationalen Kartensystemen erhebliche Marktanteile abgenommen haben.
Die Gründe zählt der Bericht nüchtern auf. Nationale Systeme bieten weder eine vergleichbare Reichweite über Grenzen hinweg noch alle Anwendungsfälle. Die schnell wachsenden Bezahldienste großer Technologiekonzerne unterstützten nationale Systeme anfangs nicht, sodass Zahlungen fast automatisch zu den internationalen Karten wanderten. Schnell wachsende europaweite Banken und Neobanken gaben allen Kunden eine einzige internationale Karte. Und die internationalen Kartensysteme lockten kartenausgebende Banken mit sehr niedrigen Gebühren, während die Gebühren für die Händlerbanken stiegen.
In ihren FAQ ergänzt die EZB, dass mehr als 60 Prozent der Euroländer kein eigenes nationales Kartensystem für Zahlungen im Geschäft haben. Ein privates Angebot, das im ganzen Euroraum alle drei vorgesehenen Anwendungsfälle abdeckt, also Zahlungen zwischen Personen, im Onlinehandel und im Laden, gibt es nach Einschätzung der EZB im Bericht derzeit nicht.
Was der digitale Euro ändern soll
Zuerst geht es um eine gemeinsame Akzeptanzschicht. Wenn Händler im ganzen Euroraum den digitalen Euro annehmen, könnten nationale und regionale Systeme über Grenzen hinweg wachsen, etwa durch Co-Badging auf Karten. Der digitale Euro wäre dabei laut Bericht eine Rückfallebene, die europaweite Reichweite sichert, während nationale Systeme ihre Marktanteile dort behalten sollen, wo sie akzeptiert werden. Als Beispiele für gut funktionierende und kostengünstige Systeme nennt der Bericht die Girocard und Bizum, die sich aber in Verbreitung und Einsatzbereichen stark unterscheiden.
Mit größerer Reichweite wächst nach Darstellung der EZB auch die Verhandlungsmacht: Banken sollen gegenüber den internationalen Kartensystemen bessere Konditionen durchsetzen können. Die Bundesbank schreibt, der digitale Euro würde die Verhandlungsposition des Handels gegenüber nichteuropäischen Anbietern von Zahlungslösungen stärken. Das Eurosystem trägt laut Bericht die Kosten seiner Abwicklungsinfrastruktur selbst und würde keine Schemagebühren erheben. Das betont auch ein EZB-Blogbeitrag vom März 2026. Die Einsparungen sollen Zahlungsdienstleistern und am Ende auch den Endkunden zugutekommen.
Politisch fassen EZB-Direktor Piero Cipollone und EU-Kommissionsvizepräsident Valdis Dombrovskis das in einem gemeinsamen Blogbeitrag vom Dezember 2025 zusammen. Der Zahlungsverkehr werde von nichteuropäischen Anbietern dominiert, und so viel technologische Kontrolle an andere abzugeben, gefährde Widerstandskraft und wirtschaftliche Sicherheit in einer zunehmend gespaltenen Welt.
Echo im Ausland und Widerspruch der Banken
Auch außerhalb des Euroraums wird das Argument gehört. Die schwedische Reichsbank empfahl am 12. März 2026, eine Untersuchung zu den gesetzlichen Voraussetzungen einer E-Krone einzusetzen, sobald die Verordnung zum digitalen Euro steht und die EZB über die Ausgabe entschieden hat. Begründet wird das mit geopolitischer Unsicherheit, mit der Abhängigkeit von internationalen Technologiediensten und mit möglichen Folgen des digitalen Euro für die Krone. Beim Thema Stablecoins sieht die EZB ein ähnliches Muster: Nach einem EZB-Blogbeitrag vom Juli 2025 lauteten rund 99 Prozent der Marktkapitalisierung auf US-Dollar.
Dass gerade der digitale Euro der richtige Weg ist, bezweifeln vor allem Banken. Der Bankenverband forderte im Juli 2026, erfolgreiche nationale und europäische Angebote einzubinden, das Design zu vereinfachen und die Einführung schrittweise zu gestalten. Im EZB-Bericht von 2025 ist zudem festgehalten, dass Zahlungsdienstleister befürchten, eine Annahmepflicht könne ungleiche Wettbewerbsbedingungen gegenüber privaten Angeboten schaffen.
Belegt ist damit der hohe Anteil internationaler Kartensysteme. Ob ein digitaler Euro ihn tatsächlich senkt, lässt sich erst nach einer Einführung beurteilen. Die EZB will für eine mögliche erste Ausgabe im Lauf des Jahres 2029 bereit sein, vorausgesetzt, die EU-Gesetzgebung wird 2026 verabschiedet.
Quellen
- EZB/ERPB: Fit of the digital euro in the payment ecosystem (Oktober 2025), abgerufen am 14.10.2026
- EZB: Digital euro – Frequently asked questions, abgerufen am 14.10.2026
- Deutsche Bundesbank: FAQ – Digitaler Euro, abgerufen am 14.10.2026
- EZB-Blog (P. Cipollone, F. Elderson): Digital euro – an opportunity for banks (27. März 2026), abgerufen am 14.10.2026
- EZB-Blog (P. Cipollone, V. Dombrovskis): A digital euro for the digital age (9. Dezember 2025), abgerufen am 14.10.2026
- Sveriges Riksbank, Payments Report 2026: Recommendation to set up an inquiry on an e-krona (12. März 2026), abgerufen am 14.10.2026
- EZB-Blog (J. Schaaf): From hype to hazard – what stablecoins mean for Europe (28. Juli 2025), abgerufen am 14.10.2026
- Bankenverband: Digitaler Euro – fünf Erfolgsfaktoren für die Einführung (14. Juli 2026), abgerufen am 14.10.2026
- EZB: Digital euro (Projektseite), abgerufen am 14.10.2026
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