Finanzen

Digitaler Euro und Finanzstabilität: wie groß das Risiko für Banken ist

Veröffentlicht im Oktober 2026

Ob der digitale Euro Banken in einer Krise zu viele Einlagen entziehen könnte, haben EZB und Bundesbank mit Modellrechnungen untersucht. Mit einer Obergrenze für das Guthaben je Person bleiben die Abflüsse laut EZB beherrschbar, ohne eine solche Grenze sieht ein Bundesbank-Modell ein erhöhtes Risiko für Bank-Runs. Wie hoch die Grenze wird und wer sie festlegt, verhandeln Parlament und Rat. Stand: Oktober 2026.

Warum Einlagen zur Schwachstelle werden können

Ein digitaler Euro wäre wie Bargeld Zentralbankgeld. Was Kunden vom Girokonto in digitale Euro umschichten, fehlt den Banken als günstige Finanzierungsquelle. Ein Research Brief der Bundesbank vom Juni 2024 beschreibt den digitalen Euro als unkomplizierte, risikolose Anlage, die bei einem Bank-Run einen sicheren Hafen bieten würde. Die rund 6.000 befragten Haushalte gaben an, bei Stress im Bankensektor mehr Geld abzuheben, wenn ihnen ein digitaler Euro zur Verfügung stünde. In diesem Szenario würde nahezu ein Fünftel der Einlagen in den digitalen Euro umgeschichtet.

Gegen den digitalen Euro spricht das nach dem Modell der Autoren nicht. Mit einer passenden Haltegrenze könne er die Finanzstabilität sogar stärken und die Wohlfahrt erhöhen. Die optimale Grenze liegt in ihrem Modell bei etwa 1.500 Euro, in einem optimistischeren Nachfrageszenario eher bei 2.500 Euro. Ohne Grenze würde der destabilisierende Effekt überwiegen.

Was die EZB für bis zu 3.000 Euro errechnet hat

Auf Anfrage der Gesetzgeber legte die EZB im Oktober 2025 technische Daten zu Haltegrenzen bis 3.000 Euro vor. Im Normalbetrieb bleibt die Wirkung auf die Einlagen bei allen untersuchten Grenzen begrenzt. Für den Ernstfall rechnet die EZB ein Szenario durch, das sie selbst hypothetisch und höchst unwahrscheinlich nennt: Alle Menschen im Euroraum halten in einer Krise so viele digitale Euro, wie Grenze und Kontostand erlauben. Dann steigen die Abflüsse von 156 Milliarden Euro bei einer Grenze von 500 Euro auf 699 Milliarden Euro bei 3.000 Euro. Das wären 2,2 Prozent der Bilanzsumme des Bankensektors oder 8,2 Prozent der täglich fälligen Einlagen von Privatkunden.

Zum Vergleich nennt die EZB frühere Krisen. In Zypern flossen 2013 20,9 Prozent der Privatkundeneinlagen ab, in Griechenland 2015 25,9 Prozent. Selbst im Stressszenario mit 3.000 Euro würden nur 13 Banken mit zusammen 0,3 Prozent der Bilanzsumme des Sektors die Liquiditätsdeckungsquote von 100 Prozent erreichen. In die andere Richtung wirkt die Digitalisierung: Weil weniger bar bezahlt wird, fließen den Banken bis 2034 im Durchschnittsszenario rund 127 Milliarden Euro zusätzliche Einlagen zu.

Die Zahlen sind laut EZB illustrativ und keine Festlegung auf eine bestimmte Grenze. In einem Blogbeitrag vom März 2026 schreiben die Direktoriumsmitglieder Piero Cipollone und Frank Elderson, die Folgen für Einlagen, Liquidität und Ertragskraft seien in normalen Zeiten begrenzt und selbst unter schwerem Stress beherrschbar. Als Gründe nennen sie neben der Haltegrenze, dass digitale Euro nicht verzinst werden, dass Zahlungen über der Grenze automatisch über das verknüpfte Konto laufen können und dass Unternehmen keine digitalen Euro halten sollen.

Kritik und offene Fragen

Ganz ausgeräumt sind die Bedenken damit nicht. Der Ökonom Jan Greitens argumentierte 2023 im Wirtschaftsdienst, ein digitaler Euro habe das Potenzial, das zweistufige System aus Zentralbank und Geschäftsbanken zu durchbrechen. Statt harter Haltelimits schlug er vor, etwa nur bestimmte Höchstbeträge pro Tag oder Woche in den digitalen Euro überführen zu lassen. Auch der EZB-Blog räumt ein, dass manche Banken noch Bedenken wegen der Investitionskosten haben.

Politisch ist die Grenze nicht entschieden. Laut Agence Europe will das Parlament, dass die Kommission sie per delegiertem Rechtsakt auf Grundlage einer EZB-Empfehlung festlegt. Der Rat will dagegen die EZB innerhalb einer vom Rat gebilligten Obergrenze entscheiden lassen. Bei der dritten Verhandlungsrunde am 30. September 2026 gab es laut dem Bericht keinen konkreten Kompromiss. Ob es seither eine Einigung gibt, ließ sich für diesen Beitrag nicht belegen.

Quellen

Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ist keine Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung. Zahlen nach den genannten Quellen, Stand siehe Datum.

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