Kritik am digitalen Euro: Einwände von Banken, Datenschutz, Ökonomen
Veröffentlicht im Oktober 2026
Der digitale Euro ist umstritten. Einwände kommen aus der Kreditwirtschaft, von den europäischen Datenschutzbehörden, aus der Wissenschaft und aus der Zivilgesellschaft. Die Kritik setzt an unterschiedlichen Stellen an, und wo die EZB geantwortet hat, steht ihre Antwort hier daneben. Stand: Oktober 2026.
Banken: Kosten, Mehrwert und Einlagen
Der größte Streitpunkt sind die Umsetzungskosten. Eine von den europäischen Bankenverbänden EACB, EBF und ESBG beauftragte Studie von PwC vom Juni 2025 befragte 19 europäische Privatkundenbanken. Für sie kam sie auf durchschnittlich rund 110 Millionen Euro je Bank und rechnete das auf etwa 18 Milliarden Euro für den Euroraum hoch. Die Zahl ist eine Hochrechnung aus dieser kleinen Stichprobe und nach Angaben der Verbände selbst nur eine erste Annäherung: Laufende Kosten, das Acquiring, die Offline-Funktion und mehrere Konten pro Nutzer sind nicht enthalten, weil die Spezifikationen noch nicht feststehen.
Die EZB rechnet anders. In einem Blogbeitrag vom März 2026 schreiben Piero Cipollone und Frank Elderson, die Investitionskosten der Banken lägen bei 4 bis 5,8 Milliarden Euro über vier Jahre, etwa einem Sechstel bis einem Fünftel der Werte externer Analysen. Das entspreche rund 3,4 Prozent der jährlichen IT-Budgets der bedeutenden Banken. Die Differenz ergibt sich aus unterschiedlichen Annahmen. Welche Zahl realistischer ist, lässt sich von außen nicht abschließend beurteilen.
Der Bankenverband verlangt in einem Papier vom Juli 2026 ein einfacheres Design, eine schrittweise Einführung, die Einbindung bestehender Lösungen und ein Gebührenmodell nach wirtschaftlichen Kriterien. Im EZB-Bericht vom Oktober 2025 ist außerdem dokumentiert, dass Zahlungsdienstleister den Mehrwert gegenüber bestehenden Angeboten als unklar bezeichnen.
Eine zweite Sorge betrifft die Einlagen. Der Ökonom Jan Greitens schreibt im Wirtschaftsdienst (Heft 12/2023), ein digitaler Euro habe das Potenzial, das zweistufige System aus Zentralbank und Geschäftsbanken zu durchbrechen. Die Sorge vor sinkenden Einlagen, die er vor allem regionalen Banken mit vielen Privatkunden zuschreibt, bezieht sich ausdrücklich auf einen digitalen Euro ohne Begrenzung der Haltevolumina. Harte Haltegrenzen hält Greitens selbst allerdings für umständlich und schlägt stattdessen vor, nur bestimmte Beträge pro Tag oder Woche umtauschen zu lassen. Die EZB verweist in ihren FAQ auf eine Analyse für die Gesetzgeber: Bei getesteten Haltegrenzen von bis zu 3000 Euro pro Person gefährde der digitale Euro die Finanzstabilität selbst in einem extrem vorsichtigen Krisenszenario nicht.
Datenschutz: Sorge vor dem gläsernen Menschen
Die Gesellschaft für Informatik warnte bereits im November 2022, digitale Währungen und Einschränkungen beim Bargeld gefährdeten die informationelle Selbstbestimmung. Wie sich digitale Währungen grundrechtskonform gestalten lassen, sei kaum erforscht.
Gewichtiger ist die gemeinsame Stellungnahme des Europäischen Datenschutzausschusses (EDPB) und des Europäischen Datenschutzbeauftragten (EDPS) vom Oktober 2023 zum Kommissionsvorschlag. Sie verlangt eine Datenschutzschwelle für kleine Online-Zahlungen, weil der Vorschlag alle Online-Transaktionen unabhängig vom Betrag erfasse. Den geplanten zentralen Mechanismus zur Betrugserkennung halten die Datenschützer für zu unbestimmt geregelt, die zentrale Zugangsstelle für Nutzerkennungen zur Durchsetzung der Haltegrenzen für nicht ausreichend begründet. Ausdrücklich begrüßt haben sie dagegen, dass der digitale Euro kein programmierbares Geld sein soll und Bargeld wählbar bleibt. Die EZB erklärt, das Eurosystem könne Nutzer bei Online-Zahlungen nicht identifizieren; offline kennen nur Zahler und Empfänger die persönlichen Details einer Zahlung.
Zivilgesellschaft und Bürger
Ein im Dezember 2024 vorgestelltes Policy Paper aus dem Umfeld des Zentrums verantwortungsbewusste Digitalisierung (ZEVEDI) stellt Mindestanforderungen auf, darunter anonyme Offline-Nutzung, datensparsame Online-Nutzung, Nutzung ohne Bankkonto und keinen Zwang zum Smartphone. Hier wird weniger das Projekt selbst kritisiert als eine mögliche Verwässerung. In eine ähnliche Richtung zielen laut Agence Europe Finance Watch und Positive Money Europe. Finance Watch warnt, der Ansatz des Rates zur Haltegrenze könne Entscheidungen dem Druck der Banken aussetzen; Positive Money Europe will, dass die EZB die Grenzen nach Finanzstabilität und Nutzerbedarf festlegt.
Bei den Bürgern war die Nachfrage zumindest 2023 verhalten. In einer Umfrage des Bankenverbands vom Mai 2023 hielten 76 Prozent der Befragten einen digitalen Euro für nicht notwendig, weil die bestehenden Zahlungsmöglichkeiten ausreichten. 58 Prozent fanden digitale Zahlungen nicht gut, weil sie nicht anonym sind, und ebenfalls 76 Prozent wollten den digitalen Euro lieber über ihre Hausbank als über die EZB beziehen. Die Umfrage stammt von einem Interessenverband und ist über drei Jahre alt; neuere repräsentative Daten lagen für diesen Beitrag nicht vor.
Die Einwände widersprechen sich teilweise. Banken wünschen ein schlankeres Design, Datenschützer und Teile der Zivilgesellschaft stärkere Bürgerrechte und großzügigere Nutzung. Viele Punkte werden im laufenden Gesetzgebungsverfahren noch verhandelt, wie viel davon im endgültigen Text landet, ist offen.
Quellen
- EACB/EBF/ESBG: Banking sector studies costs for digital euro implementation (PwC-Studie, 5. Juni 2025), abgerufen am 14.10.2026
- EZB-Blog (P. Cipollone, F. Elderson): Digital euro – an opportunity for banks (27. März 2026), abgerufen am 14.10.2026
- Bankenverband: Digitaler Euro – fünf Erfolgsfaktoren für die Einführung (14. Juli 2026), abgerufen am 14.10.2026
- EZB/ERPB: Fit of the digital euro in the payment ecosystem (Oktober 2025), abgerufen am 14.10.2026
- Wirtschaftsdienst 12/2023, J. Greitens: Der digitale Euro aus einer historischen Perspektive, abgerufen am 14.10.2026
- EZB: Digital euro – Frequently asked questions, abgerufen am 14.10.2026
- Gesellschaft für Informatik: Digitale Währungen schaffen gläserne Menschen (22. November 2022), abgerufen am 14.10.2026
- EDPB/EDPS: Joint Opinion 02/2023 on the Proposal for a Regulation on the establishment of the digital euro (Oktober 2023), abgerufen am 14.10.2026
- ZEVEDI/eFin & Demokratie: Mindestanforderungen an einen digitalen Euro (19. Dezember 2024), abgerufen am 14.10.2026
- Agence Europe: Digital euro – Parliament and Council compare positions on compensation model and holding limits (Trilog vom 30. September 2026), abgerufen am 14.10.2026
- Bankenverband: Kenntnis und Einstellungen zum digitalen Euro (Umfrage, 29. Mai 2023), abgerufen am 14.10.2026
Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ist keine Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung. Zahlen nach den genannten Quellen, Stand siehe Datum.