Wetter und Wirtschaft: Was das Rhein-Niedrigwasser 2018 zeigt
Veröffentlicht im Oktober 2026
Im Sommer und Herbst 2018 führte der Rhein so wenig Wasser, dass Binnenschiffe nur noch eingeschränkt fahren konnten. Auf deutschen Binnenwasserstraßen wurden in diesem Jahr laut Statistischem Bundesamt (Destatis) 198,0 Millionen Tonnen Güter befördert, 11,1 Prozent weniger als 2017 (222,7 Millionen Tonnen). Destatis sprach von einem Rekordrückgang und nannte als Grund die niedrigen Wasserstände der wichtigsten Wasserstraßen im zweiten Halbjahr. Der Fall ist ein gut dokumentiertes Beispiel dafür, wie Wetter über Lieferketten auf die Wirtschaft durchschlagen kann.
Ein Jahr der Wetterrekorde
Der Deutsche Wetterdienst (DWD) nannte 2018 in seiner Jahresbilanz vom 28. Dezember 2018 ein außergewöhnliches Wetterjahr mit vielen Rekorden. Mit einer Mitteltemperatur von 10,4 Grad Celsius war es damals das wärmste Jahr seit Messbeginn 1881. Es fielen rund 590 Liter Niederschlag pro Quadratmeter, nur 75 Prozent des Klimawerts von 789 Litern. Von Februar bis November waren zehn Monate in Folge zu trocken, von April bis November alle Monate zu warm, zu trocken und sonnenscheinreich.
Der Temperaturrekord von 2018 hat inzwischen keinen Bestand mehr. Nach den Jahresbilanzen des DWD war zunächst 2023 wärmer, und 2024 übertraf mit 10,9 Grad Celsius erneut alle Jahre seit 1881.
Wie das Niedrigwasser die Produktion bremste
Die Binnenschifffahrt selbst trägt nur sehr wenig zur gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung bei. Warum ihr Ausfall trotzdem zählt, hat das Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW) Ende 2018 untersucht: Über die Flüsse werden Vorleistungen für andere Branchen transportiert. 2017 wurden knapp 6 Prozent der in Deutschland beförderten Gütermenge per Binnenschiff bewegt. Bei Kohle, Erdöl und Erdgas waren es 28 Prozent, bei Kokerei- und Mineralölerzeugnissen 21 Prozent, also bei Gütern, die oft am Anfang von Produktionsketten stehen. Etwa 80 Prozent des Güterverkehrs per Binnenschiff laufen über den Rhein. Ein Nadelöhr ist der Pegel Kaub, wo die Fahrrinne besonders flach ist.
Als Maß nahm das IfW die Zahl der Tage, an denen der Pegel Kaub unter 78 Zentimetern lag. Im August, Oktober und November 2018 war das an jedem Tag der Fall, im September an rund der Hälfte. Eine solche Häufung hatte es seit 1991 nicht gegeben. Nach den Schätzungen verringerte jeder Niedrigwassertag die per Schiff beförderte Menge eines Monats um 0,76 Prozent. Ein Monat mit durchgehendem Niedrigwasser senkt sie damit um gut 20 Prozent gegenüber einem Vormonat ohne Niedrigwasser. Auf das Produzierende Gewerbe wirkte jeder zusätzliche Niedrigwassertag mit knapp 0,04 Prozentpunkten weniger Produktionswachstum. Überschlagen dürfte das Niedrigwasser die Zuwachsrate der Produktion im dritten Quartal 2018 um mehr als 0,5 Prozentpunkte gedämpft haben. Für das vierte Quartal kam das IfW auf knapp 0,5 Prozentpunkte, weil die niedrigen Pegel nach den damals vorliegenden Daten bis Anfang Dezember anhielten.
Ausweichen war schwierig. Bei hoher Kapazitätsauslastung waren Bahn oder Lkw laut IfW kaum oder nur zu sehr hohen Kosten zu haben, worauf auch die im dritten Quartal sprunghaft gestiegenen Frachtraten der Binnenschifffahrt hindeuteten. Sobald sich die Pegel normalisieren, erwartete das Institut eine entsprechende Erholung der Produktion.
Zusammentreffen ist keine Ursache
Diese Zahlen sind Schätzungen, keine Messwerte. Dass ein Wetterereignis und eine schwächere Konjunktur zusammenfallen, beweist noch nicht, dass das eine das andere ausgelöst hat. Das IfW hat deshalb konjunkturelle Einflüsse in seine Gleichungen aufgenommen: beim Transportvolumen den Welthandel, bei der Produktion die weltweite Industrieproduktion. Zugleich weist es darauf hin, dass die gesamtwirtschaftlichen Folgen von vielen Faktoren abhängen, die sich empirisch kaum vollständig kontrollieren lassen. Die Analyse stammt zudem aus dem Dezember 2018; für die Schiffsmengen lagen damals Daten nur bis August vor.
Auf andere Jahre lassen sich die Ergebnisse nur eingeschränkt übertragen. Wie stark Niedrigwasser die Wirtschaft trifft, hängt laut IfW auch von seiner Dauer ab, denn wenige Tage lassen sich eher über Lagerbestände auffangen. Die hohe Auslastung der Industrie im Jahr 2018 könnte die Folgen nach Einschätzung des Instituts sogar vergrößert haben. Das Beispiel belegt also einen Wirkungskanal über Lieferketten. Eine Prognose für künftige Trockenjahre ist es nicht. Stand: Oktober 2026.
Quellen
- Destatis: Record decrease in inland waterways transport due to low water levels (Pressemitteilung Nr. 112 vom 25.03.2019) (abgerufen am 14.10.2026)
- Kiel Institut für Weltwirtschaft: IfW-Box 2018.17 – Zum Einfluss des Niedrigwassers auf die Konjunktur (PDF) (abgerufen am 14.10.2026)
- Deutscher Wetterdienst: Deutschlandwetter im Jahr 2018 (Pressemitteilung vom 28.12.2018) (abgerufen am 14.10.2026)
- Deutscher Wetterdienst: Deutschlandwetter im Jahr 2024 (Pressemitteilung vom 30.12.2024) (abgerufen am 14.10.2026)
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